Auszeit im Bayerwald

Ein paar Tage Auszeit im Wald...

Ich stehe auf dem Großen Arber (1456 m), dem höchsten Berg im Bayerischen Wald... Als aufmerksamer Leser meiner Geschichten schießt Dir sofort der Gedanke in den Kopf:

"Wie, Du bist schon wieder im Bayerwald?" Berechtigte Frage, die Alpen wären eigentlich von meinem Wohnort aus schneller zu erreichen und den "Wald" müsste ich doch bald satt haben...? Der Bayerwald ist von jeher Teil meiner DNA, er ist für mich Entschleunigung, Ruhe und Meditation. Hier kann ich mir eine Auszeit nehmen, im Unterholz für Tage verschwinden und den Pflanzen beim Wachsen zuschauen. Der Menschenschlag hier ist herzlich rustikal und uriger als sonst irgendwo. Ich als Ex-Niederbayer kann das behaupten. Während ich die Berge immer mit Abenteuern assoziiere, um mir körperlich und mental die Kante zu geben, ist der "Woid" das blanke Gegenteil. Hier laufe ich durch Gewachsenes, was mir Ehrfurcht und Demut einflößt. Nach Einbruch der Dunkelheit ist das Mystische spürbar. Hier sind die Sinne gefragt. Im Wald zu stehen, zu riechen und zu lauschen, alles mit allen Sinnen wahrzunehmen, bringt mich wieder ins Lot. Ich kann Menschen begegnen wenn mir danach ist und ihnen aus dem Weg gehen, indem ich Pfade wähle, die nur wenige kennen, oder zu Zeiten unterwegs bin, wo alle noch oder schon wieder schlafen.

Aber ich wollte ja was erzählen - zurück zum eingangs erwähnten Arber: Die exponierte Lage des Berges ist immer gut für ungewöhnliches Wetter. Der böhmische Wind, der Regen und das generell rauhere Klima macht die Vegegation zu etwas Einzigartigem. Und dennoch ist der Arber ein geschundener Berg. Der Gipfel ist verbaut und der Nordhang vom Schitourismus und seinen Schikufen zerfräst. Zumindest floriert der Tourismus, den Sommerferien und der Pandemie sei Dank.

Nachmittags bin ich im Gewitter angereist, aber der Wetterbericht prophezeite, dass Abends die Sonne scheinen würde. Na wenn das mal nicht verheißungsvoll klingt. Der erfahrene Landschaftsfotograf weiß, wenn Regen auf warme Erde fällt und danach die Sonne scheint, dampfts. Wenn das Ganze auch noch am Abend stattfindet, gibts bunten Nebel. Ich checke in Lohberg ein und packe sofort meinen Krempel. Ich steige im strömenden Regen auf den Berg, unterstützt von einem einfachen Regenschirm. Der Wind zerlegt mir das Gestell ständig und ich kämpfe mehr gegen den Drecksschirm als gegen den Aufstieg. Ich verspreche mir, den Schirm durch professionelles Equipment zu ersetzen. Ich muss bescheuert sein, aber die Hoffnung auf einen spektakulären Sonnenuntergang stirbt zuletzt. Am Gipfel angekommen hat es aufgehört zu regnen. Hier oben weht der Sturm und treibt die Wolken vor sich her. Es ist dunkel und grau und mir ist kalt. Und dennoch liebe ich dieses Wetter, es hat was Elementares. Ich beginne allerdings mal wieder zu zweifeln, ob das hier aus fotografischer Sicht Sinn macht. Und dennoch reißt die Wolkendecke für einige Sekunden auf und die Sonne scheint durch den Nebel. Was jetzt folgt ist überirdisch, das Sonnenlicht färbt den Nebel in einem leichten Orange ein. Der Fels auf dem ich stehe, beginnt zu leuchten und die wenigen Bäume unterhalb des Gipfels kann ich nur schemenhaft wahrnehmen. Ich kann ein paar mal den Auslöser drücken und die Sonne ist sofort wieder weg. Ich vertraue in dem Fall mal auf die automatische Belichtung meiner Kamera, das ging mir eben einfach zu schnell. Dann reißt es komplett auf und im Tal ziehen Nebelschwaden durch die Waldwogen. Die Sonne liefert sich ein himmlisches Spektakel mit dem Nebel, grandios. Nachdem die Sonne weg ist,  ist es für mich zunächst gelaufen und ich steige wieder ab. Aber wie heißts doch gleich: Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. So auch hier. Beim Abstieg komme ich an einer kleinen Lichtung vorbei und sie offenbart den Blick in den Lamer Winkel. Das Abendrot mit den restlichen Nebelschwaden zaubert einen unglaublichen Anblick. Der Aufbau des Stativs ist ein Reflex und die restlichen Handgriffe unterliegen ebenfalls einem Automatismus. Ein unglaubliches Farbenspiel spielt sich vor meinen Augen und meiner Linse ab. Ich mache Aufnahmen bis zum letzten Quäntchen Licht und steige dann mit der Stirnlampe ab. Was für ein Auftakt.

Ich bin 5 Tage mit mir allein und verbringe viel Zeit mit der Kamera im Wald, an Seen, auf Gipfeln. Orte wie Osser, Zwercheck, Kleiner und Großer Arbersee, Rissloch, Hochfall, Bretterschachten - alles bringe ich unter. An einem besonders schönen Tag leiste ich mir noch den Luxus einer 4-stündigen 22km-Trailrunning-Einheit von Lohberg aus, hoch zum Großen Arber und über den kleinen Arbersee zurück. Mehr Entschleunigung geht nicht, nur länger...