Meine Arbeiten sind öffentlich. Fotografien stehen im Internet, meine Musik kann gehört werden. Damit gebe ich etwas aus der Hand. Menschen betrachten und hören meine Arbeiten, sie mögen sie oder nicht, sie empfinden etwas dabei oder eben nichts.Das gehört zum Veröffentlichen.
Was sich bei mir über die Jahre verändert hat, ist die Bedeutung, die ich den Meinungen anderer darüber gebe. Sie ist kleiner geworden. Nicht, weil ich Kritik grundsätzlich ablehne. Vielmehr habe ich festgestellt, dass mir Bewertungen bei meiner Arbeit immer weniger helfen. Dabei spielt es erstaunlicherweise kaum eine Rolle, ob sie positiv oder negativ ausfallen.
„Tolles Bild“ und „Das Bild ist zu dunkel“ liegen für mich heute näher beieinander, als man zunächst vermuten würde. Beides sind Bewertungen. Jemand betrachtet meine Arbeit und legt seinen eigenen Maßstab daran an.
Viel interessanter ist für mich etwas anderes: Wenn jemand sagt, ein Bild mache ihn traurig, vermittle ihm Ruhe oder erinnere ihn an einen bestimmten Ort, erfahre ich etwas über die Wirkung meiner Arbeit. Bei Musik ist es genauso. Ein Stück kann Unruhe auslösen, Bilder entstehen lassen oder jemanden für ein paar Minuten aus seinem Alltag holen.
Das ist keine Bewertung. Es ist Resonanz.
Und diese Unterscheidung ist für mich wichtig geworden.
Die Stimmen, die bleiben
Es gab Zeiten, in denen mir Anerkennung wichtiger war. Wahrscheinlich gehört das dazu, wenn man seine Arbeit öffentlich macht. Man möchte wissen, ob das, was man tut, gesehen und geschätzt wird. Mit der Zeit habe ich allerdings festgestellt: Die Suche nach Anerkennung macht müde. Und Anerkennung selbst macht träge.
Noch entscheidender ist etwas anderes. Bewertungen verschwinden nicht unbedingt wieder, nachdem sie ausgesprochen wurden. Manche bleiben im Kopf. Ich stehe beispielsweise vor einem Baum und überlege, wie ich ihn fotografieren möchte. Eigentlich gibt es in diesem Moment nur den Baum, das Licht und meine Wahrnehmung davon.
Doch ganz so einfach ist es nicht.
Im Kopf befindet sich inzwischen ein ziemlich gut gefülltes Archiv: Regeln zur Bildgestaltung, Erfahrungen, Bücher, Workshops, Gespräche und natürlich die Urteile anderer:
Die Linienführung, der Bildaufbau, zu dunkel, zu mittig, so macht man das nicht.
Dieses Wissen kann hilfreich sein. Es kann aber auch im entscheidenden Moment zwischen mich und das Motiv treten. Bei der Musik kenne ich das genauso. Harmonielehre, Arrangement, Klangvorstellungen, Hörgewohnheiten – all das ist vorhanden. Es lässt sich nicht einfach abschalten.
Die eigentliche Herausforderung besteht für mich deshalb zunehmend darin, dieses Wissen zwar zu besitzen, ihm aber nicht zwingend und automatisch zu folgen.
Regeln kennen und trotzdem sehen
Ich habe nichts gegen Regeln. Viele davon haben gute Gründe. Sie beschreiben Zusammenhänge, schaffen Orientierung und helfen dabei, Gestaltung zu verstehen.
Aber sie sind für mich Werkzeuge, keine Vorschriften. Wenn ich fotografiere oder Musik mache, versuche ich deshalb zunächst herauszufinden, was für mich in diesem Moment stimmt. Erst danach kann ich feststellen, ob das Ergebnis einer bekannten Regel folgt oder ihr widerspricht. Beides ist in Ordnung.
Ein Satz begleitet mich dabei schon lange:
Wenn jemand zu dir sagt, das geht nicht, denke daran: Es sind seine Grenzen, nicht deine.
Ich verstehe diesen Satz inzwischen weniger kämpferisch, als ich es vielleicht früher getan hätte. Er erinnert mich vor allem daran, dass Wahrnehmung immer einen Standpunkt hat. Was für einen Menschen falsch erscheint, kann für einen anderen genau richtig sein. Was jemand als störende Dissonanz empfindet, kann für mich der entscheidende Moment eines Musikstücks sein. Was jemandem zu dunkel erscheint, kann genau die Dunkelheit sein, die ich in einem Bild gesucht habe.
Das eine muss das andere nicht widerlegen.
Anerkennung ist nicht das Ziel
Auch Lob ist für mich mit den Jahren merkwürdig schwierig geworden. Natürlich freue ich mich darüber, wenn jemand meine Arbeit mag. Aber Aussagen wie „Das könnte ich niemals“ hinterlassen bei mir ein anderes Gefühl als früher. Sie schaffen eine Distanz, die ich eigentlich nicht möchte. Genauso wenig interessiert mich das andere Extrem: jemand, der erklärt, wie er ein Bild besser fotografiert oder ein Musikstück besser arrangiert hätte.
In beiden Fällen entsteht eine Rangordnung. Der eine stellt mich auf ein Podest, der andere sich selbst. Dabei interessiert mich etwas viel Einfacheres: die Begegnung zwischen einem Werk und einem Menschen.
Vielleicht hat jemand fünf Minuten vor einem meiner Bilder gestanden. Vielleicht hat ihn ein Musikstück an etwas erinnert. Vielleicht hat es ihn beruhigt oder irritiert. Vielleicht ist überhaupt nichts passiert. Auch das ist möglich. Ein Werk muss nicht jeden erreichen.
Eine Meinung darf auch still bleiben
Vielleicht hat sich nicht nur mein Verhältnis zu Meinungen verändert. Vielleicht leben wir heute auch in einer Umgebung, in der die Grenze zwischen Wahrnehmen und Bewerten immer kleiner geworden ist. Wir vergeben Sterne, Herzen und Punkte. Wir kommentieren, empfehlen und rezensieren. Fast alles lässt sich innerhalb weniger Sekunden einordnen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Und wer seine Arbeit öffentlich zeigt, muss selbstverständlich damit leben, dass andere darüber urteilen.
Ich frage mich nur, ob aus der Möglichkeit, eine Meinung zu äußern, inzwischen manchmal das Gefühl einer Notwendigkeit geworden ist. Man kann ein Bild betrachten, ohne es zu bewerten. Man kann Musik hören, ohne zu entscheiden, ob sie gut oder schlecht ist. Und man kann etwas nicht mögen, ohne daraus eine Botschaft an denjenigen zu machen, der es geschaffen hat.
Für meine eigene Arbeit ist diese Erkenntnis befreiend geworden. Ich muss nicht verhindern, dass andere Menschen eine Meinung dazu haben. Ich muss diese Meinungen auch nicht verändern.
Ich muss sie nicht einmal kennen. Wenn mich etwas interessiert, dann weniger das Urteil über meine Arbeit als ihre Wirkung.
- Was hast du gesehen?
- Was hast du gehört?
- Was hat es in dir ausgelöst?
Und wenn darauf keine Antwort kommt, ist das vielleicht ebenfalls eine Antwort. In einer Zeit, in der wir uns daran gewöhnt haben, fast alles zu kommentieren, kann auch Schweigen eine Form der Wertschätzung sein.